Bildung & Studium

Duales Studium als unterschätztes Wachstumsfeld: Strukturelle Befunde(A)

Das duale Studium hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten von einer Nischenform der akademischen Bildung zu einem etablierten Bestandteil der deutschen Hochschullandschaft entwickelt. Die Wachstumsdynamik der Studienangebote, die Verschiebung der Beteiligungsstruktur zwischen Unternehmen und Hochschulen sowie die Folgen für den deutschen Fachkräftemarkt machen das Format zu einem strukturell unterschätzten Wachstumsfeld.

6. Januar 2025

Das duale Studium verbindet einen akademischen Studiengang an einer Fachhochschule oder einer Berufsakademie mit einer berufspraktischen Phase in einem kooperierenden Unternehmen. In der praxisintegrierenden Variante absolviert die Studierende oder der Studierende über die gesamte Studiendauer regelmäßige Praxisphasen im Unternehmen, in der ausbildungsintegrierenden Variante wird zusätzlich ein Berufsabschluss nach dem Berufsbildungsgesetz oder der Handwerksordnung erworben. Beide Varianten verschmelzen Elemente der akademischen und der beruflichen Bildung in einer Weise, die weder im klassischen Hochschulstudium noch in der dualen Berufsausbildung in gleicher Tiefe vorliegt. Die strukturelle Eigenständigkeit dieses Formats hat es in den vergangenen Jahren von einer experimentellen Bildungsform zu einem etablierten Element der deutschen Hochschullandschaft entwickeln lassen.

Die Wachstumsdynamik des Formats verläuft auf mehreren Ebenen. Die Zahl der dualen Studiengänge ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten kontinuierlich gewachsen, die Zahl der beteiligten Hochschulen hat sich erweitert, und die Zahl der kooperierenden Unternehmen hat sich vervielfacht. Die Wachstumsgeschwindigkeit übertrifft in den vergangenen Jahren die Entwicklungsdynamik vergleichbarer Bildungsformate, ohne dass diese Tatsache in der bildungspolitischen Diskussion bisher die ihrer Bedeutung entsprechende Aufmerksamkeit erhielte. Die Berichterstattung konzentriert sich überwiegend auf das klassische Hochschulstudium oder auf die duale Berufsausbildung, während das duale Studium als Brückenformat zwischen beiden eine zwischengeordnete Sichtbarkeit erhält.

Die Verteilung der dualen Studienangebote zwischen Fachdisziplinen folgt einer ausgeprägten Konzentration. Der wirtschaftswissenschaftliche Bereich umfasst den größten Anteil der Studienplätze, gefolgt von ingenieurwissenschaftlichen Studiengängen, von der Informatik und von den Gesundheits- und Sozialwissenschaften. Die starken Anteile in der Wirtschaftsinformatik, im Wirtschaftsingenieurwesen und in der angewandten Informatik spiegeln die hohe Nachfrage der Unternehmen nach Profilen wider, die akademische Grundlagen mit unmittelbarer betrieblicher Praxiserfahrung verbinden. Die Gesundheits- und Sozialwissenschaften, insbesondere die akademisierten Pflegestudiengänge, haben in den vergangenen Jahren ihre Anteile am dualen Studium kontinuierlich gesteigert, was die Veränderung der Berufsbilder in der Pflege und der Sozialen Arbeit widerspiegelt.

Die strukturelle Bedeutung des dualen Studiums für die deutsche Fachkräftesicherung ergibt sich aus mehreren Eigenschaften. Die Übernahmequote der dual Studierenden in das ausbildende Unternehmen liegt deutlich oberhalb der Übernahmequote regulär Studierender, weil die Unternehmen während des Studiums in die Bewerberinnen und Bewerber investieren und ein erhebliches Interesse an der Bindung der Absolventen besitzen. Die durchschnittliche Studiendauer der dual Studierenden ist kürzer als bei regulär Studierenden vergleichbarer Studiengänge, weil die strukturierte Verzahnung von Theorie- und Praxisphasen eine konzentrierte Studienorganisation erzwingt. Die berufliche Identifikation der Absolventen mit dem ausbildenden Unternehmen ist häufig stärker ausgeprägt, was zu einer überdurchschnittlichen Verweildauer in den ersten Beschäftigungsjahren führt. Diese Eigenschaften machen das duale Studium für die unternehmensseitige Personalplanung zu einem wertvollen Instrument.

Auf der Hochschulseite bildet das duale Studium eine eigene Organisationsherausforderung. Die Studiengänge erfordern eine enge Abstimmung zwischen den Curricula der Hochschulen und den Praxisphasen in den Unternehmen, was eine fortlaufende Kommunikation zwischen Hochschulkoordinatoren und betrieblichen Ansprechpartnern verlangt. Die Verteilung der Studierenden auf die Theorie- und Praxisphasen folgt unterschiedlichen Modellen – Blockmodelle mit längeren zusammenhängenden Phasen, Tagesteilungsmodelle mit wöchentlich rotierenden Tagen, Wochenmodelle mit alternierenden Wochen oder Modelle mit verlängerten Praxissemestern. Welches Modell gewählt wird, hängt von den Erfordernissen der Hochschule, von der Verfügbarkeit der Praxisbetriebe und von den fachlichen Anforderungen des Studiengangs ab. Die Heterogenität der Modelle erschwert die Vergleichbarkeit zwischen Hochschulen und Studiengängen.

Auf der Unternehmensseite verteilen sich die Engagements ungleich. Großunternehmen mit eigenen Trainee-Programmen und langfristigen Personalstrategien haben das duale Studium frühzeitig in ihre Nachwuchsförderung integriert und beschäftigen heute systematisch dual Studierende in mehreren Funktionsbereichen. Mittelständische Unternehmen haben sich in den vergangenen Jahren verstärkt für das Format geöffnet, weil es eine planbare und kostensicher kalkulierbare Nachwuchsförderung erlaubt. Kleinbetriebe sind weniger häufig vertreten, weil die Bindung eines dual Studierenden über drei bis vier Studienjahre eine Planungsperspektive verlangt, die in kleineren Strukturen schwer vorhersehbar ist. Die Verteilung folgt damit einer Größenlogik, deren strukturelle Folgen für die Verbreitung des Formats in der gesamten deutschen Wirtschaft relevant sind.

Eine besondere Konstellation entsteht in den Pflegestudiengängen. Mit der Akademisierung der Pflegeberufe entstehen Studiengänge, in denen ein Bachelorabschluss mit der Berufszulassung als Pflegefachkraft verbunden ist. Die ausbildungsintegrierende Variante des dualen Studiums findet in diesem Bereich eine natürliche Anwendung, weil die Pflegeausbildung nach dem Pflegeberufegesetz und das Pflegestudium nach den hochschulrechtlichen Vorgaben in einem rechtlichen Rahmen zusammengeführt werden können. Die Verbreitung dieser Studienangebote vollzieht sich in einer Geschwindigkeit, die hinter der politischen Erwartung an die akademisierte Pflege zurückbleibt. Die Gründe liegen in der personellen Belastung der Lehrkapazitäten, in der erforderlichen Praxisanleitung in den Einrichtungen und in der Finanzierung der dual Studierenden während der Studienphasen.

Die Verzahnung des dualen Studiums mit der industriellen Transformation entwickelt sich zu einem strukturell relevanten Thema. In der Automobilindustrie, in der chemischen Industrie und in der Energietechnik entstehen duale Studienangebote, die Profile für die elektrifizierten Antriebe, die wasserstoffbasierte Verfahren und die digitale Prozesssteuerung ausbilden. Die Unternehmen nutzen das Format, um ihren Nachwuchs auf die transformierten Berufsbilder vorzubereiten, ohne den Zwischenschritt einer klassischen Ausbildung oder eines klassischen Studiums zu durchlaufen. Die Geschwindigkeit, in der neue Studiengänge eingerichtet und Kooperationsverträge geschlossen werden, übertrifft in einzelnen Bereichen die institutionelle Anpassungsfähigkeit der klassischen Hochschulstrukturen.

Ein vergleichender Blick auf internationale Hochschulsysteme ordnet die deutsche Entwicklung ein. Die Schweiz arbeitet seit längerem mit ihren Fachhochschulen und mit den Höheren Fachschulen in einer Architektur, die berufliche Bildung und akademische Bildung in einer differenzierten Stufenlogik verbindet. Frankreich hat mit den Apprentissages in den Grandes Écoles ein eigenes Format etabliert, das in den vergangenen Jahren erheblich an Bedeutung gewonnen hat und mit dem deutschen dualen Studium funktionale Parallelen aufweist. Die anglosächsischen Hochschulsysteme arbeiten überwiegend mit kürzeren Praxisformaten wie Internships oder Co-op Programs, ohne eine ähnliche Tiefe der Integration zwischen Hochschule und Unternehmen aufzubauen. Die deutsche Konstruktion des dualen Studiums steht damit in einer relativ singulären Position unter den entwickelten Bildungssystemen, deren strukturelle Eigenheiten den Transfer auf andere Volkswirtschaften erschweren und gleichzeitig die strukturelle Stärke des deutschen Modells ausmachen.

Die Internationalisierung des dualen Studiums entwickelt sich langsamer als die Internationalisierung des regulären Hochschulstudiums. Die strukturelle Voraussetzung einer engen sprachlichen und kulturellen Verzahnung mit dem ausbildenden Unternehmen erschwert die Aufnahme internationaler Studierender in dual organisierte Studiengänge. Die Anwerbung internationaler dualer Studierender erfordert eine betriebliche Begleitkapazität, die in vielen Mittelständlern bislang nicht aufgebaut ist. Erste Pilotprogramme einzelner Hochschulen und Unternehmensgruppen testen die Übertragbarkeit des Formats auf internationale Bewerber. Die Wirkungsanalyse dieser Pilotprogramme bildet eine empirische Grundlage für die Frage, ob das duale Studium als Instrument der internationalen Fachkräftegewinnung systematisch ausgebaut werden kann.

Eine politisch sensible Frage betrifft die rechtliche Regulierung des Formats. Im Unterschied zur klassischen dualen Ausbildung, deren rechtliche Grundlagen im Berufsbildungsgesetz, in der Handwerksordnung und in den jeweiligen Ausbildungsordnungen detailliert geregelt sind, fehlt für das duale Studium eine einheitliche bundesrechtliche Grundlage. Die Regulierung erfolgt überwiegend auf Länderebene, im Rahmen der Hochschulgesetze, der Studien- und Prüfungsordnungen der einzelnen Hochschulen und der individuellen Kooperationsverträge zwischen Hochschulen und Unternehmen. Diese fragmentierte Regulierung erleichtert die schnelle Anpassung der Studienangebote an betriebliche Bedarfe, erschwert aber gleichzeitig die Vergleichbarkeit der Abschlüsse, die Übertragbarkeit der Studienleistungen zwischen Hochschulen und die Qualitätssicherung über die Bundesländer hinweg. Eine bundeseinheitliche Rahmenregelung wird in der bildungspolitischen Diskussion regelmäßig erwogen, ohne dass eine konkrete Reform mittelfristig zu erwarten wäre.

Aus industriepolitischer Perspektive ergibt sich aus den bisherigen Beobachtungen eine analytische Schlussfolgerung. Das duale Studium hat sich zu einem strukturell relevanten Element der deutschen Fachkräftesicherung entwickelt, dessen Wachstumspotenzial in der Hochschullandschaft, in der Kooperationsdichte mit Unternehmen und in der Verbreitung auf weitere Berufsbilder bisher nicht ausgeschöpft ist. Die strukturelle Konstruktion des Formats besitzt eine Eignung für die Bewältigung der industriellen Transformation, die in der bildungspolitischen Programmatik bislang unterrepräsentiert bleibt. Eine systematische Förderung der Verbreitung in mittelständischen und kleineren Unternehmen, eine bundeseinheitliche Rahmenregelung der Studienangebote und eine erweiterte Internationalisierung des Formats bilden die strukturellen Hebel, deren Aktivierung über die zukünftige Rolle des dualen Studiums im deutschen Bildungssystem entscheidet.

Eine ergänzende Beobachtung betrifft die Studienzufriedenheit und die berufliche Identifikation der Absolventen. Befragungen unter dual Studierenden und Absolventen zeigen wiederkehrend hohe Werte in der wahrgenommenen Praxisnähe der Studieninhalte, in der Klarheit der beruflichen Perspektive nach dem Abschluss und in der Bindung an das ausbildende Unternehmen. Die finanzielle Sicherheit während des Studiums, die durch die Vergütungskomponente der Praxisphasen gewährleistet wird, reduziert die Belastungen, denen regulär Studierende durch Nebenerwerbstätigkeiten ausgesetzt sind. Diese strukturellen Vorteile machen das Format für eine breitere soziale Schicht zugänglich als das reguläre Hochschulstudium, dessen Aufnahme von der familiären Finanzierungsfähigkeit abhängt. Die soziale Durchlässigkeit des dualen Studiums bildet damit eine zusätzliche bildungspolitische Dimension, deren systematische Erfassung in der Forschungsliteratur in den vergangenen Jahren an Tiefe gewonnen hat.

Die wissenschaftliche Begleitung des Formats benötigt eine Datenarchitektur, die Studienverläufe, Abschlussquoten, Übernahmequoten, Verweildauern in den ersten Beschäftigungsjahren und langfristige Karrierepfade über mehrere Absolventenkohorten hinweg systematisch erfasst. Die vorhandenen statistischen Quellen bilden diese Dimensionen in unterschiedlicher Tiefe ab. Die konsolidierte Auswertung über Hochschulen, Bundesländer und Branchen hinweg ist eine Voraussetzung dafür, das duale Studium in der industriestrategischen Debatte mit der ihm zustehenden empirischen Grundlage einzuordnen. Bis zu einer solchen Konsolidierung bleibt die Bewertung des Formats auf Einzelstudien, Hochschulberichte und betriebliche Erfahrungsberichte angewiesen, deren methodische Vergleichbarkeit begrenzt ist.

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